„Dekarbonisierung? Wasserstoff ist für mich der erfolgversprechendste Weg“

Mit dem Wechsel von der Kohle- zur Wasserstoffwirtschaft will Uniper-Chef Andreas Schierenbeck sein Unternehmen in nur 15 Jahren CO2-neutral machen. Siemens Energy Stories hat mit ihm über die Strategie, das Wachstumspotenzial und den Wert von Kooperationen gesprochen.

 

Text: Marc Engelhardt

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Herr Schierenbeck, Sie wollen Uniper bis 2035 bei den Kohlenstoffemissionen zur Nettonull führen. Wie wollen Sie das schaffen?

In Deutschland werden wir unsere Kohlekraftwerke schließen oder umbauen. Den Schritt aus der Kohle raus schaffen wir damit bis 2025/26 – das hochmoderne Steinkohlekraftwerk Datteln 4 ausgenommen. Und dann werden wir verstärkt Gas-Assets einsetzen. Das wird unseren CO2-Footprint schon einmal signifikant nach unten bewegen.

 

Die Ausgangslage für Uniper war ja alles andere als ideal.

Wir sind tatsächlich mit Beinamen wie „Bad Bank“ gestartet, mit den ganzen schmutzigen Assets von E.ON. Aber wir haben das eher als Herausforderung gesehen und uns in einem Strategieprozess die Frage gestellt: Wie gehen wir damit um? Nachhaltig Geschäfte führen gegen das Klima und den Willen der Gesellschaft kann man nicht. Es war klar, dass wir was machen mussten.

 

In Ihrer Dekarbonisierungsstrategie kommt Gas eine Schlüsselrolle zu. Inwiefern?

Erdgas, importiert über Pipelines oder LNG-Terminals, wird in den nächsten 20, 30 Jahren noch eine Rolle spielen. Wenn man noch weiter dekarbonisieren will, dann geht das nur mit Wasserstoff. Wenn ich mit Elektrolyse grünen Wasserstoff herstelle, ohne Ausstoß von CO2, kann der perspektivisch in Gaskraftwerken klimaneutral verbrannt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen. Viele unserer Gasturbinen sind schon heute in der Lage, gewisse Mengen von Wasserstoff zu verbrennen – wenn man sie umrüstet, auch deutlich mehr.

Welches Potenzial sehen Sie darüber hinaus in der Wasserstoffwirtschaft?

Grüner Wasserstoff wird in den ersten Zeiten viel zu wertvoll sein, um ihn gleich wieder zu verbrennen. Stattdessen wird man ihn zunächst nutzen, um andere Industrien zu dekarbonisieren, deren Anteil am CO2-Ausstoß höher ist als der der Energieversorger. Für 75 Prozent der Klimagasemissionen sind Verkehr, Industrie und Gebäude verantwortlich. Und dort kann man über Sektorkopplung mit Wasserstoff sehr viel erreichen.

 

Liegt darin ein Geschäftsmodell für Uniper?

Unbedingt, wir sind da schon sehr lange aktiv. 2013 haben wir die erste Power-to-Gas Anlage in Falkenhagen in Betrieb genommen. In Hamburg sind wir 2015 mit der Wasserstoffproduktion für das Transportwesen gestartet. Und bei einem Pilotprojekt der deutschen Bundesregierung werden wir in einem Windpark grünen Wasserstoff erzeugen, der in unterschiedliche Gasspeicher eingespeist und dann der Industrie zur Verfügung gestellt wird. In Großbritannien und den Niederlanden gibt es bereits ambitionierte Großprojekte; diesen Weg muss auch Deutschland gehen. Wenn wir unsere Gesellschaft dekarbonisieren wollen, ist Wasserstoff für mich der erfolgversprechendste Weg.

 

Reicht der Strom aus Erneuerbaren in Deutschland aus, um genug Wasserstoff zu produzieren?

Deutschland importiert heute 70 Prozent des Primärenergieverbrauchs aus dem Ausland. Ich glaube nicht, dass wir so viel Sonnen- und Windenergie in Deutschland haben, um das komplett zu ersetzen. Wir werden Wasserstoff importieren müssen. Aber auch da sind wir bei Uniper perfekt aufgestellt, weil wir den Gashandel und den Transport über LNG und Pipelines seit Jahrzehnten machen. Wir sind Marktführer, was Gasspeicher angeht – und da kann man unter bestimmten Voraussetzungen auch Wasserstoff einspeichern.

 

„Wir machen es möglich, dass mehr Erneuerbare ins Netz eingespeist werden können. Alle Länder in Europa haben einen Kapazitätsmarkt, in dem diese Leistung vergütet wird, nur Deutschland noch nicht. Das sollte man überdenken.“
Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender, Uniper

Was müsste geschehen, damit es den Durchbruch zu einer Wasserstoffwirtschaft gibt?

Die Technologien sind weitgehend da, aber sie müssen skaliert werden. Der Bedarf muss geweckt werden, indem man im Gasnetz beispielsweise Beimischungen vorschreibt, wie man das beim Benzin mit Bioalkohol gemacht hat. Dann braucht es Rahmenbedingungen, die die Erzeugung von grünem Wasserstoff nicht mit Umlagen bestraft. Und es muss natürlich auch Anschubfinanzierungen geben. Das beste Beispiel dafür sind die Solar- und die Windindustrie. Da lag der Preis pro Kilowattstunde am Anfang bei 50 Euro in der Erzeugung, dank der Investitionen in die Technologie liegt er heute unter 5 Cent!

 

Sie setzen bei der Transformation zur Wasserstoffwirtschaft stark auf Kooperationen, etwa mit Siemens Energy. Warum?

Eine große Anzahl unserer Gasturbinen stammt aus dem Hause Siemens. Und wenn wir überlegen, diese Gasturbinen und Kraftwerke schrittweise auf Wasserstoff umzustellen, kann der Hersteller das am besten. Siemens Energy produziert Gasturbinen, die auch heute schon einen gewissen Anteil von Wasserstoff verarbeiten können. Sie sind Hersteller von Wasserstofferzeugungsanlagen, und das ganze Thema Erneuerbare liegt auch bei Siemens Energy. Kreative Ideen, dass man z.B. in jeden Windpark eine Elektrolyseanlage stellt, die Wasserstoff erzeugt, und gleichzeitig die Spitzen abfängt, das wären schon die ersten Schritte hin zu einem industriellen Konzept. Wir haben gemeinsame Geschäftsideen und -interessen.

 

Together on the journey to decarbonization

Siemens Energy supports utilities and industrial companies on their decarbonization journey. In a four-step collaborative approach, individual solutions are tailored to each company’s needs.

 

Ähnliches gilt für die Brownfield-Transformation, also die Nachnutzung der Kohlekraftwerksstandorte. Was ist da Ihre Strategie?

Ein existierender Kohlekraftwerksstandort findet jetzt im Prinzip eine neue Zukunft, indem er wenn möglich auf Gas umgestellt wird und zum Beispiel das Fernwärmenetz betreibt, das in der Gegend existiert. Er kann auch Strom zur Verfügung stellen für einen Industriepark, aber auch für Druckluft, die man in der chemischen Industrie braucht und wo man dann auch wieder Arbeitsplätze am Standort schafft. Es gibt auch Nachnutzungsideen wie spezielle Datenzentren, die eine autonome Stromerzeugung brauchen. Das passt gut, auch weil viele alte Kraftwerkstandorte verbrauchsnah sind.

„Nachhaltig Geschäfte führen gegen das Klima und den Willen der Gesellschaft kann man nicht. Es war klar, dass wir was machen mussten.“
Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender, Uniper

Das klingt so, als setzen Sie für Uniper ganz klar auf Expansion.

Wenn wir in Deutschland Atom- und Kohlekraftwerke abschalten, brauchen wir neue Gaskraftwerke: Einerseits, um die Lücke bei einer Dunkelflaute zu schließen, und dann, um unser Stromnetz abzusichern. Die Einspeisung von 50, 60 Prozent Erneuerbaren führt hier zu völlig neuen technischen Herausforderungen. Das haben wir in Großbritannien gesehen mit dem Stromausfall, als dort gerade die höchste Windeinspeisung aller Zeiten stattfand. Es gab ein Gewitter, man hat zwei Kraftwerke rausgenommen und dann ist das Netz zusammengebrochen. Bei Solar- und Windkraft fehlen nun mal diese riesigen, bewegten Massen, und das führt dazu, dass die Frequenz wesentlich instabiler ist. Dieses Problem zu lösen, wird auch ein Wachstumsmarkt sein.

 

Wie wurde das Problem in Großbritannien gelöst?

Wir haben kurz nach dem großen Blackout Momentanreserve verkauft, um Frequenzstabilität zu erzeugen. Eine andere Möglichkeit ist der Einbau von Batterien z.B. in Wasserkraftwerke oder auch in den anderen Assets, um einfach schneller Leistung zur Verfügung stellen zu können, um das Netz zu stabilisieren. Da gibt es sehr viele kreative Optionen. Und wir positionieren uns so, dass wir sagen: Wir machen es möglich, dass mehr Erneuerbare ins Netz eingespeist werden können. Fast alle Länder in Europa haben einen so genannten. Kapazitätsmarkt, in dem sichere Leistung vergütet wird, nur Deutschland noch nicht. Das sollte man überdenken.

 

Kurz zusammengefasst: Wie ist Uniper für die Transformation in der Energiebranche gerüstet?

Wir mussten uns schnell neu erfinden. Aus einem großen Konzern abgespalten zu werden, hat Fragen aufgeworfen –wo man seine Zukunft sieht und wie man sein Geschäft steuert. Bei Uniper hat das dazu geführt, dass wir sehr, sehr schnell eine neue, sehr flexible, sehr innovative Kultur entwickelt haben – einfach, weil wir mussten. Wir hatten Druck, vielleicht ganz ähnlich wie Elon Musk bei SpaceX. Niemand hätte gedacht, dass man mit so wenig Ressourcen so wettbewerbsfähig sein kann. Und ich glaube, bei Uniper ging es uns ein bisschen ähnlich.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Aug 10, 2020

Marc Engelhardt arbeitet als freier Wirtschaftsjournalist und Autor für verschiedene deutschsprachige Medien wie die NZZ, ARD und Die Zeit. 

 

Bildrechte: Dominik Asbach

Seit Juni 2019 ist Andreas Schierenbeck (54) Vorstandsvorsitzender des internationalen Energieversorgers Uniper mit Sitz in Düsseldorf, Deutschland. Davor hatte der studierte Elektroingenieur mit einem Zusatzabschluss in Advanced Management aus Harvard fünf Jahre lang als Vorstandschef der thyssenkrupp Elevator AG die Digitalisierung des Konzerns vorangetrieben. Zwischen 1992 und 2012 arbeitete Schierenbeck bei der Siemens AG in Deutschland, der Schweiz und den USA.

 

Uniper ist der drittgrößte börsennotierte Energieversorger in Deutschland und in Europa führend bei Energieerzeugung, -handel und -speicherung. Rund 11.500 Mitarbeiter arbeiten in über 40 Ländern, gut ein Drittel davon in Deutschland. Das Unternehmen entstand 2016 aus der Abspaltung des konventionellen Energieerzeugungsgeschäfts (Kohle-, Gas- und Wasserkraft) und des Energiehandels vom E.ON-Konzern, der sich überwiegend auf erneuerbare Energien und das Netzgeschäft konzentrierte. Erklärtes Ziel von Uniper ist es, bis 2035 CO2-neutral zu werden.

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